Rezensionen zum Sammelband

Wissen neu ausgegraben

Doris Palm

Im Oktober 2000 erschien im Unrast-Verlag der Sammelband "Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark" - eine Dokumentation zum sogenannten "Jugendschutzlager Uckermark".

Mit der knapp 300-seitigen Sammlung verschiedener Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Lagers Uckermark wurde zum ersten Mal der Kenntnisstand um das Lager in einem Band zusammengetragen.

Hinter dem verharmlosenden Begriff "Jugendschutzlager Uckermark" verbirgt sich ein - von mehreren Autorinnen so benanntes "Mädchen-Konzentrationslager", in dem ca. 1000 Mädchen ab 1942 inhaftiert und gequält wurden. Nach Kriegsende war das Lager weitgehend vergessen. Die überlebenden Mädchen waren meistens über 1945 hinaus als "asozial" stigmatisiert und das sogenannte Jugendschutzlager wurde erst in die 70er Jahren als Konzentrationslager anerkannt. Das Gelände wurde bis 1994 vom sowjetischen Militär genutzt, so daß von den Gebäuden des ehemaligen Mädchenkonzentrationslagers nichts mehr zu sehen ist.

In den letzten Jahren verstärkte sich das Bemühen besonders von Seiten der Lagergemeinschaft Ravensbrück um die Anerkennung des Geländes der Uckermark als zugehörig zum Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Mehrere Baucamps begaben sich auf dem Gelände mit Ausgrabungen auf Spurensuche. 1998 erstellten Frauen, die auch zum Teil an dem Frauen-Lesben-Baucamp teilgenommen hatten, mit dem verfügbaren Material die Ausstellung "Wir durften ja nicht sprechen, sobald man Kontakt suchte mit irgendjemandem, hagelte es Strafen". Ebenfalls wurde eine Veranstaltungsreihe zum Thema Mädchenkonzentrationslager Uckermark organisiert. Schließlich entstand der vorliegende Sammelband, der "neue Erkenntnisse und vorhandenes Wissen zusammentragen und dazu beitragen (soll, D.P.), die Geschichte des Jugendschutzlagers Uckermark und der darin inhaftierten Mädchen und jungen Frauen bekannter zu machen", so die Herausgeberinnen in ihrem Vorwort.

Herausgekommen ist ein Buch, das trotz der zweiundzwanzig sehr unterschiedlichen Beiträge und der verschiedenen thematischen Bereiche ein schlüssiges und umfassendes Gesamtbild des Themas "Mädchenkonzentrationslager Uckermark" ergibt. Nicht zuletzt ist dieses den vielen Bezugnahmen der Autorinnen untereinander und dem gelungenen inhaltlichen Aufbau zu verdanken.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der historischen Verortung: die Entstehungsgeschichte des Mädchenkonzentrationslagers, die Mithilfe von Fürsorgerinnen, Fürsorgebehörden und Kriminalpolizei an der Kriminalisierung und schließlich Einweisung von Mädchen ab 1942 in das Konzentrationslager Uckermark, die Rolle der weiblichen Kriminalpolizei, der auch das "Jugendschutzlager" unterstand. Berichte überlebender Frauen schließen sich an. Käthe Anders, die sich gegen von den Nazis auferlegte Zwänge wehrte, wurde für "arbeitsscheu" befunden und in das Mädchenkonzentrationslager eingewiesen. Slowenische Frauen berichten von ihrer Inhaftierung auf dem sogenannten Sonderblock im Lager Uckermark.

Ein Teil des "Jugendschutzlagers" wurde im Januar 1945 geräumt, um für die gezielte Ermordung tausender Frauen aus dem angrenzenden Konzentrationslager Ravensbrück Platz zu schaffen. Nach einer Einführung in die Geschichte des Vernichtungslagers Uckermark schließt sich ein Bericht von Irma Trksak, Überlebende des Vernichtungslagers, an.

Im dritten Teil der Dokumentation wird in den Beiträgen auf die gegenwärtige Situation eingegangen. Nach einem Beitrag zur Entschädigungspraxis gegenüber NS - Verfolgten geht es in den folgenden Beiträgen um den Gedenkort Uckermark. Die archäologischen Ausgrabungen und der Stellenwert des Geländes im Gesamtkonzept der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück werden dargestellt. Erörtert werden auch die Idee eines blauen Blumenfeldes als Gedenkort und demgegenüber die Forderung der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis, die historischen Überreste freizulegen und zu konservieren. Jüngere Frauen aus dem Freundinnenkreis treten für eine "lebendige Gedenkstätte am authentischen Ort" ein. Abschließend wird von den ersten Erfahrungen mit der Ausstellung zum Konzentrationslager Uckermark berichtet.

Insgesamt also ein lesenswertes Buch, das sicherlich für ganz verschiedene Menschen von Interesse ist. Die Beiträge sind in sich abgeschlossen und müssen nicht chronologisch gelesen werden. Für mich war aber der Bogen der gesamten Vielfältigkeit der Beiträge besonders spannend.

Der erste Teil erschien mir persönlich am "schwer verdaulichsten": viele Zahlen und Fakten, die immer wieder - wohl notwendigerweise (?) - auch den Sprachgebrauch der Nazis zitieren. Doch spätestens in dem Bericht zur Entschädigungspraxis wird auch mir als jüngerer Frau deutlich, wie notwendig diese Recherchen sind.

Wie in den Beiträgen deutlich geworden ist, muss das Wissen um das ehemalige "Jugendschutzlager Uckermark" neu "ausgegraben" werden - im doppelten Sinne des Wortes. Dazu hat die Dokumentation "Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark" einen wertvollen Beitrag geleistet und es bleibt zu hoffen, dass künftig noch viele Bücher zu dem Thema veröffentlicht werden!

Geforscht, erzählt, diskutiert und zugehört

Katja Neppert

Das "Jugenschutzlager Uckermark" lag direkt neben dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg, und war das einzige nationalsozialistische KZ speziell für weibliche Jugendliche. Zwischen 1942 und 1945 wurden hier ca. 1200 Mädchen und junge Frauen eingewiesen - Fürsorgezöglinge, die die NS-Kriminalpolizei als "Kriminelle", "Asoziale" oder "Arbeitsscheue" etikettiert hatte und die hier unter KZ-Bedingungen Zwangsarbeit leisten mußten. In den letzten Monaten vor Kriegsende nutzte man das Jugendschutzlager als Vernichtungslager des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück.

Jahrzehntelang wurde das Mädchenkonzentrationslager Uckermark - ebenso wie das Jungen-KZ Moringen - als Aufbewahrungsort für schwererziehbare Jugendliche und Teil des NS-Fürsorgesystems verharmlost. In den 70er Jahren wuchs die Bereitschaft, es als nationalsozialistisches Konzentrationslager anzuerkennen. Aber erst in den vergangenen 10 Jahren - seit dem Abzug der GUS-Truppen von dem überbauten und teils überwucherten Gelände - setzte eine intensivere Erforschung ein. Dazu haben nicht nur Historikerinnen und die Gedenkstätte Ravensbrück, sondern auch die Lagergemeinschaft und engagierte junge Frauen beigetragen, die in Workcamps mit ersten Ausgrabungen auf dem Gelände begannen.

Dieses Zusammenwirken von Zeitzeuginnen, Historikerinnen und Interessierten spiegelt auch der gerade herausgekommene Sammelband. Er zeigt einen Querschnitt von Geschichte und Gegenwart des Lagers: Dazu gehören sorgfältig recherchierte Beiträge zur Entstehungsgeschichte und Funktion des Lagers, zu seinem Platz im NS-Fürsorgesystem und zu seiner Nutzung als Vernichtungslager ebenso wie Zeitzeuginnenberichte ehemaliger Insassinnen, ein Bericht zu den Ausgrabungscamps und - durchaus kontroverse - Stellungnahmen zum zukünftigen Umgang mit dem Gelände.

Im ersten Teil des Buches schildern verschiedene Autorinnen, daß das so genannte Jugendschutzlager im Kontext der NS-Sozialpolitik zu sehen ist. Die jungen Frauen sollten mit Hilfe der Jugendschutzlager mitnichten vor irgendeiner Gefahr beschützt werden, sondern umgekehrt: der sogenannte Volkskörper sollte - ganz im Geiste der Ideologie der "Erb- und Rassenpflege" - vor den inhaftierten Mädchen und Frauen geschützt werden. Zahlreiche Fallbeispiele dokumentieren, daß schon Normabweichungen wie ein offenes Wort Mädchen, die einmal in das Fadenkreuz der öffentlichen Fürsorge geraten waren, schnell zu "triebhaften" Wesen aus "erblich minderwertigen" Familien werden ließ. Und so ein Etikett der Fürsorgebehörden reichte der Kriminalpolizei aus, um eine Einweisung in die Uckermark zu veranlassen. Eine Möglichkeit, sich zu wehren gab es nicht. Wie eng damals der Alltag mit dem NS-Lagersystem verwoben war und wie allgegenwärtig Konzentrationslager gewesen sein müssen, wird gerade am Beispiel eines Jugendschutzlagers wie Uckermark sehr deutlich.

Wie der Alltag im Lager aussah, dokumentieren ausführliche Zeitzeuginnenberichte. Sie spiegeln verschiedene Häftlingsgruppen und verschiedene Phasen. Käthe Anders ist 1942 als 17jährige so genannte Arbeitsscheue eingewiesen worden, eine Reihe von Sloweninnen aus Österreich waren wegen ihrer Unterstützung der Befreiungsfront im Jugendschutzlager inhaftiert, und Simone Erpel faßt in ihrem Aufsatz Schilderungen polnischer Frauen zusammen, die Anfang 1945 in dem zum Vernichtungslager umfunktionierten Jugendschutzlager untergebracht waren. Auch wie die Mädchen und Frauen das Lager überlebten, wie sie zurückkehrten, mit welchen gesundheitlichen und seelischen Schäden, wird in diesen Berichten deutlich. Eine Entschädigung hatte kaum eine der Überlebenden zu erwarten, denn die Inhaftierten des Jugendschutzlagers gehören zu den "vergessenen Opfern", die durch das Raster der aus "politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen" Verfolgten fielen. Ihre Stigmatisierung als Fürsorgefälle mit zweifelhaften genetischen Anlagen setzte sich auf diese Weise auch nach Kriegsende fort, wie Petra Vollmer in ihrem Aufsatz schildert.

Der letzte Teil des Bandes widmet sich der Zukunft des Geländes. Nur in zwei Workcamps wurden bislang Teile der alten Fundamente freigelegt. Überwiegend ist das Gelände archäologisch nicht erforscht, ja noch nicht einmal unter Denkmalschutz gestellt. Gegen Planungen der benachbarten Stadt Fürstenberg, eine Ortsumgehung auf dem Gelände zu bauen, erhob sich Widerstand von der Lagergemeinschaft. Ein Wettbewerb schlug eine Lösung vor, die aber auch umstritten ist. So wie der Konflikt noch aktuell, sind auch die dokumentierten Stellungnahmen und Berichte kontrovers. Man fühlt sich aufgefordert, mit zu diskutieren. Daß diese Diskussion hier viel Raum bekommt, ist verdienstvoll und angemessen, denn schließlich sollte, wer sich mit der Lagergeschichte befaßt, sich auch um die aktuelle Situation kümmern.

Ein informatives und lesbares Buch und ein lebendiges, in dem nicht einfach Aufsätze nebeneinander stehen, sondern spürbar ist: hier wird geforscht, erzählt, diskutiert und einander zugehört.